Mittwoch, 26. April 2017

Von Grenzen, Respekt und alten Damen

Heute gibt es mal keinen Bericht von mir und Tivo, sondern von meiner Freundin Friederike (Homepage hier) und Kathy, das Pferd einer Freundin mit einer Abneigung gegenüber Schmieden. Lest im Folgenden selbst, wie Friederike und Kathy (und ihre Besitzerin natürlich) es gemeinsam geschafft haben, eine Vertrauensbasis zu schaffen!

Wo fange ich an? Vielleicht am Anfang. Kathy ist eine alte Dame. Um genau zu sein, ist sie eine vierbeinige Dame, und zwar die meiner Freundin. 
Offiziell wird sie 18, das allerdings mittlerweile zum siebten Mal und hinzukommt, dass ihre ersten Jahre bevor sie zu ihrer lieben Besitzerin kam schon so viel erlebt hat, dass man noch mal ein paar gefühlte Jährchen drauf packen kann. Kathy ist so wie alle älteren Damen ein bisschen verschroben und eigenwillig, aber davon abgesehen ein absolut liebenswürdiges Ding. Eigentlich ist sie auch sehr aufgeschlossen… außer Hufschmieden gegenüber. (Man muss ganz offen zugeben, Kathy ist nicht das, was man als schmiedefromm bezeichnen könnte.) Mir war das gar nicht so bewusst, ich hatte mal vor fünf, sechs Jahren das Festhalten beim Schmied übernommen, wenn meine Freundin verhindert war. Damals hat sie ein bisschen unerzogen rumgezackelt, aber nichts Dramatisches.
Umso überraschter war ich, als mich meine Freundin vor einem halben Jahr anrief und verzweifelt um Hilfe bat. Man muss dazu sagen, dass es in unsrer Gegend wenig gute Schmiede gibt, und wenn nahmen sie keine Neukunden mehr an. Vielleicht verdeutlicht es die Situation, wenn ich sage, dass trotz allem meine Freundin beschlossen hat, den Schmied nicht mehr an ihr Pferd zu lassen.
Wie groß das Ausmaß des „Schadens“ war, hab ich festgestellt, als ich das erste Mal wieder in der Heimat war und mich mit ihr getroffen hab. Und die Hufe an sich waren nicht das Problem…
Kathy hat durch ihr Alter einige arthrotische Veränderungen in den Vorderbeinen, unter anderem auch in den Karpalgelenken. Im Alltag beeinträchtigen diese sie nicht sonderlich, aber sie schränken deutlich die Beugefähigkeiten ein und stehen kann sie auch nicht mehr so lange auf einem Bein.
Das Traurige an der Geschichte ist jedoch, dass der Schmied das nicht gesehen hat, oder nicht sehen wollte. Er hat sämtliche Wehr als Unerzogenheit und Bockigkeit abgetan und es gab hier und da auch einen Klaps mit der Raspel. Kathy hat das komplette Pony-Repertoire ausgepackt und war schon beim Anblick des Hufbocks auf Krawall gebürstet.
Die erste „Bearbeitungs-Session“ hat uns alle viel Kraft gekostet. Knappe 4 Stunden sind wir zu Gange gewesen (inklusive Pausen) und ehrlicherweise muss man sagen, dass es wirklich nicht immer ganz ungefährlich war. Man konnte die Vorderhufe kaum länger als zwanzig bis dreißig Sekunden aufheben, bevor sich Kathy ohne Vorwarnung mit ihrem gesamten Gewicht auf das aufgenommene Bein fallen ließ und mit Gewalt den Huf absetzte ungeachtet dessen, ob sich Finger, Fuß oder Messer dazwischen befand. Erschwerend kam hinzu, dass ich den Huf kaum anständig umfassen konnte um mein Messer anzusetzen. Aufgehoben kommt die Hufspitze kaum höher als 10 cm über den Boden, weiter können die Gelenke nicht mehr gebeugt werden, daneben setzen oder Knien kam damals aus Sicherheitsgründen absolut nicht in Frage und 10 cm bedeuten auch verdammt wenig Zeit um seine Finger in Sicherheit zu bringen, wenn sich Pony dazu entschließt den Huf von jetzt auf gleich mit allen zur Verfügung stehenden 500 kg auf den Boden zu zwingen.
Friederike, Kathy und der "Bock" © Lehrmeister Pferd
Zum Feilen fiel der klassische Bock auch raus, so hoch kann Kathy das Vorderbein nicht mehr ohne Schmerzen heben. Beholfen haben wir uns mit einem kleinen Holzkeil, der zwar von der Höhe her passend, aber von der Handhabung ein bisschen wackelig ist, aber was war an diesem Tag schon nicht improvisiert? Auch auf dem Bock war es nicht einfach, Kathy riss den Huf hoch, egal ob da gerade mein Kopf oder meine Hand war, kletterte auf den Bock, setzte sich nach hinten auf die Hinterhand oder lief nach vorne weg, einfach durch meine Freundin hindurch.
Anfänglich waren wir ein bisschen unsicher, wie wir damit umgehen sollten, immerhin hatte sie ja einiges durchmachen müssen und reagierte aufgrund von Schmerzen beziehungsweise aus Angst vor diesen, auf der anderen Seite gab es einige gefährliche Situationen und einige Momente in denen sie sehr respektlos gegen uns gegangen ist.
Zu aller erst muss man sagen, dass die Umstände nicht die besten waren. Das Beste wäre vermutlich gewesen, uns an mehreren Tagen zu treffen, aber aufgrund äußerer Umstände war das leider nicht möglich, wir mussten also irgendwie die vier Hufe bearbeitet bekommen.
Zum einen versuchten wir natürlich es gar nicht dazu kommen zu lassen, dass sie sich entziehen wollte, also den Huf schneller wieder abzusetzen und sie ausgiebig zu loben, als sie ihn abstellen wollte. Bei einer Zeitspanne von zwanzig bis dreißig Sekunden klappte das natürlich nicht immer, mehr als ein bis zwei Schnitte bzw. Raspelstriche am Stück gingen nicht und manchmal schafften wir noch nicht mal einen.
Wie viele der Reaktionen wirklichen Schmerzen zuzuschreiben waren und wie viele nur der Angst davor konnte keiner sagen, aber so oder so war es sowohl für meine Freundin, als auch für mich indiskutabel, dass die Reaktionen so plötzlich, so vehement und ohne Rücksicht auf uns kamen.
Ich sage es gleich vorweg: Ich weiß nicht, ob meine Art die sinnvollste war und es wäre sicher noch auf viele andere Wege gegangen, aber wie man am Ende sieht, hat meine Strategie funktioniert.
Nach dem Kathy sich einige Male ziemlich heftig auf mich hat fallen lassen und ich es wiederholt unkommentiert gelassen hab, entfuhr mir beim nächsten Mal ein Schrei, den man bestimmt auf dem Nachbarhof noch gehört hat, aber es hatte die beabsichtigte Wirkung: Kathy hielt einen Moment verdattert inne, ich konnte den Huf kontrolliert absetzen und sie dafür dann loben. Und für mich persönlich ist es sehr wichtig so viel wie möglich zum Loben zu kommen, denn ich möchte meinem Pferd ja Rückmeldung über sein Verhalten geben können – und zwar möglichst positive!
Mit dieser Taktik fuhren wir fort und bis auf wenige Ausnahmen gelang es uns mit einer lauten Ermahnung Kathy in ihrem Tun zu unterbrechen und dem ganzen einen positiven Ausgang zu geben.
Zudem wechselten wir so oft wie möglich die Beine, sodass sie sich zwischendurch so gut wie möglich erholen konnte und raspelten lieber mal in schlechtem Winkel mit mehr Strichen, anstatt sie damit zu verunsichern den Huf noch fünf Mal um zu stellen.
Gegen Ende wurde es insofern schwerer, als dass alle Beteiligten fertig mit den Nerven waren und Kathy auch deutlich erschöpfter, aber ihre Abwehr war weniger rücksichtslos.
Ich kann mich nicht erinnern jemals so geschwitzt gewesen zu sein, wie an diesem Tag.
Was will ich eigentlich mit all dem sagen? Nun, die Geschichte ist ja noch nicht zu Ende. Vorige Woche war ich zum dritten Mal da und es ist kein Vergleich mehr zum ersten Mal. Kathy ist immer noch kein Vergleich zu meiner jungen Stute, bei der ich einfach einen Huf nach dem andern und alle hintereinander weg mache, und das wird sie vermutlich aufgrund ihrer Alterbeschwerden auch nie mehr sein, aber wir haben einen großartigen Kompromiss gefunden.
Zum einen schafft Kathy es schon viel länger auf einem Bein zu stehen und zum andern, was viel wichtiger ist: Verspürt sie das Bedürfnis den Huf abzusetzen, lehnt sie sich einmal nach hinten, als wolle sie sich auf den Popo setzen, kommt dann aber sofort wieder nach vorne und wartet bis man den Huf abgesetzt hat, ohne dass ich zu irgendeinem Zeitpunkt auch nur ein Gramm mehr in der Hand habe kein Strampeln mehr, kein auf mich fallen lassen mehr, kein zwanghaftes Huf herunter drücken mehr.
Innerhalb von diesen wenigen Terminen haben wir eine respektvolle Kommunikation entwickelt, die auf ziemlich viel Vertrauen aufbaut. Vertrauen? Nach so kurzer Zeit? Ja, denn sie hat mir beim ersten Mal deutlich gesagt, dass sie immer wieder sehr schnell ihre Hufe absetzen möchte, ich ihr, dass das kein Problem ist, aber bitte auf eine freundliche Art und Weise. Wir haben uns beide gegenseitig unsere Grenzen deutlich gemacht, Grenzen, die wir beide jeweils unter keinen Umständen überschritten haben wollten.
Kathys Grenze war: Zwinge mich nicht meinen Huf in der Luft zu halten, wenn ich es nicht mehr möchte.
Meine Grenze war: Egal, wie es dir geht, ich möchte keine Angst haben müssen, dass du mich verletzt.
Und hier sind wir bei einem sehr wichtigen Punkt für mich (sowohl im Umgang mit Pferden als auch mit Menschen). Ohne Grenzen gibt es kein Vertrauen. Egal, worum es geht, wenn ich meine Grenzen vorher nicht klar gemacht habe, kann ich nicht darauf vertrauen, dass sie nicht überschritten werden. Umgekehrt kann ich mich völlig entspannen, wenn ich weiß, dass mein Gegenüber sich dessen bewusst ist, wo bei mir Schluss ist. Und genau das ist zwischen Kathy und mir passiert. Sie hat darauf vertraut, dass ich den Huf so schnell wie möglich absetze, wenn sie mir sagt, dass sie sich nicht mehr wohlfühlt. Ich habe darauf vertraut, dass sie rechtzeitig Bescheid gibt und nicht in einer Kurzschlussreaktion meine Sicherheit gefährdet und meine Knochen einem Bruchtest unterzieht.

Deswegen: Ja, Vertrauen. Kein all um fassendes Vertrauen, wie Kathy es zu meiner Freundin hat. Kein Vertrauen in allen Lebenssituationen. Natürlich nicht, da kenne ich auch keine ihrer Grenzen, (ihr vertraut eurem Gärtner ja auch, dass er euren Garten schön macht, aber würdet nicht einfach mit ihm in den Urlaub fahren), aber wir haben das Vertrauen, dass wir gegenseitig für eine Hufbearbeitung brauchen.
Und auf einmal ist es ziemlich einfach das Pferd zu bearbeiten. Ich kann mich unter sie knien, oder auch mal vor sie setzen um so gut wie möglich mein Werkzeug anzusetzen ohne Angst um meine Finger zu haben. Das ermöglicht mir unter den ungewöhnlich eingeschränkten Bedingungen so schnell wie möglich zu arbeiten, sodass sie den Huf nur so kurz wie möglich geben muss. Kathy ist mittlerweile nahezu vollständig entspannt und schafft es fast immer rechtzeitig Bescheid zu geben, wenn sie nicht mehr kann, sodass sie auch fast keinen Grund mehr sieht den Huf eigenständig zu entziehen… Na gut, ich gebe zu… fast… ich gebe auch zu, dass ich noch so knie und hocke, dass ich schon recht schnell aus der Gefahrenzone komme… unser Vertrauen bekommt vielleicht nur 90 von 100 Punkten, aber es war ja auch erst das dritte Mal, für mich ist das somit vollkommen ok. Ich meine, vor einem halben Jahr hieß es regelmäßig „Kathy gegen Schmied“ und das ist jetzt definitiv nicht mehr der Fall.
Ich finde das ist so ein schönes Beispiel dafür, dass so viele Kämpfe und Probleme dadurch gelöst werden können in dem man hin hört, versucht die Grenzen zu entdecken und dann sich darauf konzentriert zu signalisieren, dass man die Grenzen erkannt und akzeptiert hat und sie einhalten wird. Ohne diesen Schritt kann es zu keinem Vertrauen kommen. Und im Gegenzug muss man sich seiner eigenen Grenzen bewusst werden und diese deutlich zum Ausdruck bringen. Der Rest ist dann kein großes Meisterwerk mehr.
Was ich aber auch nicht unter den Tisch fallen lassen möchte, ist, dass meine Freundin das Hufe geben zum Auskratzen natürlich auch nach dem Schema gemacht hat, und wir ohne dieses Üben das Vertrauen in der Hinsicht mit Sicherheit weniger schnell erreicht hätten ☺

Ich kann dem nut zustimmen, denn: Nähe muss man sich erarbeiten. Das gilt auch für den Schmied. Ich finde es großartig, wie die drei einen Weg gefunden haben, der gut funktioniert und bei dem alle ein Mitspracherecht erhalten haben :)
Vielen lieben Dank an Friederike, Kathy und ihrer Besitzerin, dass ich diesen Gastbeitrag hier veröffentlichen durfte!