Mittwoch, 12. April 2017

Sonnenschein bei Regen ergibt Regenbogen. (Tagesseminar mit Christina Wagner)

Es wird Frühling; die Natur blüht endlich auf. Nicht nur echte Waldbewohner zieht es aus ihren Hütten, auch den Menschen zieht es - auf unterschiedlichste Art und Weise - aus seinem Haus in die Natur.
Auch wir Reiter (gut, ich noch nicht, aber allgemein Reiter...) nutzen die ersten Sonnenstrahlen, um endlich wieder ausreiten zu gehen - und hoffen dabei auf nicht allzu starke Frühlingsgefühle unserer Pferdis :-D
Die Wege, die wir dabei lieben, sind oft die verschlungenen Waldwege, die uns wie durch einen Märchenwald führen. Sanftes Licht durch hohe Tannen und dieser wahnsinnig tolle Duft nach Waldboden... Vielleicht begegnet einem noch das ein oder andere Reh... Perfekte Idylle.
Doch warum nutzen wir eigentlich überall sonst im Leben die stark befahrenen Hauptstraßen?
Genau das hat uns Christina Wagner am Samstag bei einem weiteren Kurs in Gießen gefragt und uns ein Plädoyer dafür geliefert, uns mehr für die Abzweigungen des Lebens zu öffnen und uns mehr an ihnen zu erfreuen.


Teilnehmer

Oh, wie haben wir uns über die kleine, aber feine, Männerquote gefreut!
Die Männerquote © Lehrmeister Pferd
Ansonsten waren die Teilnehmer altbekannt und die Mischung ergab mal wieder eine herrlich lockere Atmosphäre, in der Lernen Spaß macht!
Die Ziele der Pferd-Mensch-Paare waren dabei natürlich so individuell wie die Paare selbst.
Dem einen ging es darum, die Reiterei zu verbessern und mehr Schwung und gleichzeitig Versammlung zu erarbeiten, dem anderen ist es wichtig, nach einer Sehnenverletzung bzw. einem alten Hüftverletzung Fehlstellungen, falsche Bewegungsabläufe und Steifheit zu reduzieren. Die Klassiker mit genereller Grunderziehung und Horsemanship, sowie allgemeiner Stellung und Biegung waren selbstverständlich auch vertreten. Und ein Highlight für mich: der Wunsch, Neues auszuprobieren, ob es nun die Arbeit in einer anderen Führposition oder die Langzügelarbeit ist.
Wir haben gemeinsam den Tag genutzt, um mit Freude und Leichtigkeit an unserer mentalen Haltung, unserem Wissen und unseren Fähigkeiten zu arbeiten.

Theorie

Bei Christina gibt es ja bekanntlich nur ganzheitliches Training. So hören wir in der ersten Theorieeinheit, dass Seele, Geist und Körper eine Einheit sind, die zusammenwirken.
Und oh, wie passend, dass das gute alte Schwanken (Stehparaden) wie eine Cranio-Sakral-Therapie beim Pferd wirken: die gesamte Zirkulation wird angeregt, der Geist entspannt.
Ist das nicht mal die beste Begründung für die Arbeit nach akademischen Grundsätzen?
Und wir Zweibeiner, wir wurden erneut ermuntert, auch Horsemanship-Grundsätzen treu zu sein, und die vier Qualitäten eines guten Horseman, als auch stets die "Perfect Preparation" zu achten. 
Für mich ist das einfach die beste Kombination.

Was macht ihr denn da? © Lehrmeister Pferd
Die zweite Theorieeinheit bildet einfach mein absolutes Highlight dieses Kurses. Auf Wunsch einer Teilnehmerin nutzen wir die Einheit wieder einmal zum kollektiven Bewegen bzw. eigenem Erfühlen der Hilfen. Was lustig aussieht, ist aber extrem praktisch und hilfreich.
So ein Zweibeiner an der Hand oder unter dem Popo kann nämlich reden!
Wir ließen uns gegenseitig durch mentale Hilfen schwanken, übten Stellung und Biegung an der Hand und am Human Horse - die Cranio-Sakral-Therapie in einfach. (Mein Rücken dankt!)
Und bloß nicht vergessen: Beckenbodentraining. Spannt man seine untere Hälfte richtig an, hebt man damit magisch den Brustkorb des Pferdes mit an. 
Stellt euch dafür einfach vor, ihr würdet (mit eurer unteren Hälfte, also dem Beckenboden) Gänseblümchen pflücken.... Jepp, das Bild bekommen wir auch einfach nicht mehr aus dem Kopf. Aber wenn's hilft...
Und für die Männerwelt suchen wir noch nach einer passenderen mentalen Hilfe. Versprochen. 

Praxis 

Ran an den Speck - ähm die gesetzten Ziele!
Mit viel Einfühlungsvermögen begibt sich Christina mit den Pferd-Mensch-Paaren auf die Reise zu ihren jeweiligen Wünschen und Zielen.
Der Reihe nach:
Zweite Führposition, erster Versuch © Lehrmeister Pferd
  • In den beiden Horsemanship-Einheiten rufen wir uns die vier Qualitäten eines Horseman (Fokus, Feeling, Timing und Balance) und die vier Phasen der Kommunikation (Fliege, Käfer, Rabe, Adler) in Erinnerung. Wir sehen: Widerstand (gegen Christina) ist zwecklos! Mit ihrem guten Beispiel an freundlich-fairer Führung im Kopf ist der Wunsch nach einer gemeinsamen Basis der Kommunikation nicht mehr fern... so lernt es sich gerne. Auch als Jungpferd. 
  • Am (akademischen) Boden gibt es direkt mehrere Einheiten zu sehen. Auch hier zeigt sich, dass eine gute Basis dafür sorgt, dass mit Freude und Leichtigkeit Stellung und Biegung erst im Stand, dann im Schritt, dann im Trab und dann im Galopp (der aber noch fehlte) erarbeitet werden können. Und mit der guten Basis sind auch neue Führpositionen absolut kein Problem mehr!
  • Reiterisch hat sich auch richtig was getan. Die Hafidame (ich liebe ja Hafis) entdeckt ihren Heckantrieb neu und kommt so zu mehr Schwung und Aufrichtung - was gerade im Galopp mächtig etwas hermacht! Des Weiteren sehen wir bei den Punkte-Pferden ganz eindeutig, dass ein gut erarbeitetes Schulter- und Kruppherein den Weg ebnen für Piaffe und Passage. Die Arbeit am Boden ist also nicht nur verlorene Zeit, sondern gute Vorbereitung. Achja: Perfect Preparation
Streng genommen waren alle Ziele schon in der ersten Praxishälfte abgehakt und in der zweiten Hälfte wurde - mal wieder - über sich hinaus gewachsen. Ganz besonders toll empfand ich ein Pferd-Mensch-Paar, dass die Reiterei so richtig für sich entdecken konnte. Schon im letzten Kurs erzählte sie, dass sie wahnsinnig gerne am Boden arbeitet, aber das Reiten eben gern hintenan stellt. 
Und was passiert, als sie sich entschließt ihre zweite Einheit zum Reiten zu nutzen? 
Jawohl: es ist magisch. Ganz von alleine bietet ihr Pferd den Schultritt an.
Einfach wow. Um sie kurz zu zitieren: "Und ihr so?". 

Fazit

Ein solches Seminar ist abseits von Pferdesport und Arbeitspferden ein wahrer Waldweg. Wunderbar verschlungen, traumhaft idyllisch, gespickt mit Elfen und Magie kommt er daher. 
Ja, für uns Menschen ist das traumhaft - und für die Pferde?

Hallo Christina! © Lehrmeister Pferd
Die haben den Tag mit gespitzten Ohren, Kauen & Lecken, Brummeln und gaaaanz viel Freude am Zusammensein kommentiert!
SO muss das sein! 
Danke liebe Christina, dass du den regnerischen Tag mit Sonnenschein gefüllt hast!