Montag, 22. August 2016

Was machst du, wenn dein Pferd nicht möchte?

Meine letzte Stunde mit Conny begann ich mit den Worten: "Conny, ich möchte heute nur Quatsch machen. Tivo ist in letzter Zeit sehr unleidlich und ich glaube, es geht ihm nicht so gut. Ich möchte nicht zu viel von ihm fordern."
Wie reagiert ein guter Trainer auf sowas?

Ganz klar: Verständnisvoll, nachfragend und am besten mit vielen Ideen, was wir tun könnten, was aber gerade passt. Und natürlich kann das Conny ;)

Die letzten paar Tage habe ich wenig mit Tivo gemacht, da er mir eigentlich schon auf der Koppel zeigt, dass er keine richtige Lust hat. Man kann das jetzt natürlich übergehen und trotzdem etwas (er)arbeiten, aber für mich ist das alles andere als Miteinander. Es ist Gegeneinander.

Für mich ist klar, dass man mit Natural Horsemanship sehr wohl alle Techniken zur Hand hat, um seinen Willen grob durchzusetzen - nichts anderes beeindruckt so viele Menschen, wenn mal wieder irgendwo Verladetraining gezeigt wird. Schnell, funktional und gegen den Willen des Pferdes.
Hat allerdings jemand schon mal die Pferde gefragt, was sie davon halten?
Ich selbst mag die Idee, dass man Pferde in den Erfolg hineingleiten lassen sollte - das geht nicht, wenn man sie direkt nach dem bildlichen Hochsprung von 5m fragt. Jeder gute Sportler muss sich auch in kleinen Schritten seinen Erfolg erarbeiten, warum also nicht auch wir mit den Pferden?
Die andere Problematik mit dem Durchsetzen ist: es geht auf Kosten der Motivation. Auch Conny sagte, dass es ja noch Spaß machen soll. Und wenn mein Pferd sehr meckert, dann darf und soll ich die Anforderungen ruhig herunterschrauben. In unserem Fall der letzten Stunde haben wir dann eben lustigen Quatsch gemacht (Schrecktraining) um eher an unserer Kommunikation zu arbeiten.
In einem tollen Interview mit Miri von MeinFaible bei der Pferdekonferenz, sagte sie: "Klar kann ich einem Pferd den Raum wegnehmen, aber das fühlt sich nicht richtig an."
Sehr gut ausgedrückt! Ja, ich kann das auch inzwischen, und ja, ich habe es mir auch zu Nutzen gemacht, da Tivo und ich einige brenzlige Situationen hatten. Dennoch fühlt es sich falsch an, auf dieser Basis tagtäglich zu arbeiten. Das will ich nicht.
Dankbarerweise bin ich ja mit einem kommunikativen Pferd gesegnet, der auch mich in meiner Kommunikation und meiner Art weiter bringt.

Jetzt mal ein Ausflug in die Psychologie: Stichwort "soziale Kompetenz". Sozial kompetent ist ein Verhalten im sozialen Kontext, wenn es der Situation angemessen und effizient ist. Aha.
Das bedeutet mal im pferdischen Kontext, dass mein Verhalten mit viel Druck und Raumeinnehmen zwar angemessen sein kann, in dem Falle wenn mein Pferd mich zum Beispiel verletzen kann (ein Problem des Respekts/Grundgehorsams?), aber sicher nicht effizient, wenn ich es jedes Mal ausführen muss. Langfristig ist es also definitiv smarter, anders - mehr miteinander - zu arbeiten. Dafür braucht es sehr kleine Schritte, viel Motivation und besonders viel Kommunikation und Interaktion! (Und ja, für mich fühlt sich NHS weiterhin natürlich an, aber nur, wenn ich mit meinem Pferd spreche. Sobald ich ihn übergehe und mehr Druck machen muss, fühlt es sich für mich falsch an. Je feiner wir kommunizieren können, desto besser.)

Mein Weg mit Pferden ist noch am Anfang und ich bin jeden Tag dankbar, so einen tollen Partner und Lehrmeister an meiner Seite zu haben. Wenn ich ehrlich bin, bildet mit Tivo zehntausendmal mehr aus, als ich ihm je beibringen könnte. Danke!

Hier gibt es noch einen tollen Beitrag von Sylvia Czarnecki von Motionclick zum Thema Ungehorsam - absolut lesenswert!!!