Donnerstag, 11. August 2016

Gib deinem Pferd Chancen, dich zu überraschen.

Ich glaube, ich bin ein kleiner Misserfolgsvermeider.
Ja richtig gelesen. Wenn es schwierig wird, neige ich dazu, der Schwierigkeit aus dem Weg zu gehen. Und ja, meine Mama kann das bestätigen: ich war schon immer so.*

Wer vielleicht diesen Beitrag gelesen hat, kann sich denken, was ich als Misserfolgsvermeider seither getan habe: Spaziergänge wurden vermieden.
Kein Blödsinn - ich habe wirklich Bedenken gehabt, ob Tivo vielleicht wieder steigt und ob er sich reinsteigert und ob er sich losreißt und und und ... Gedankenkarussell halt.
Eine liebe Stallkollegin fragte mich gerade vor einer Woche, ob ich denn mit Tivo spazieren gehe - und immerhin so ehrlich bin ich, dass ich dann auch nein antwortete und auf meine Bedenken verwies.
Mit so einem jungen Pferd sind Spaziergänge aber tatsächlich das A & O. Es lernt viel kennen, es läuft viel gerade aus und gern Buckel rauf und runter.
Ich aber habe es vermieden - bis mich zwei weitere Einsteller fragten, ob ich einen kurzen Ausflug mitgehen möchte.
(Innerlich: Bammel. Oh mein Gott. Was wird passieren? Äußerlich:) Ja klar, super Idee!
Gut, wir gehen also zu 3,5-t und mit 3 Pferden Richtung vom Hof abgelegener Koppel, um eins der Pferde dort wieder zur Herde zu lassen. Und Tivo? Grottenbrav sag ich euch. Grottenbrav.
Ich konnte mir ein "der ist mir ja fast zu brav" nicht verkneifen. Ich habe mit dem Schlimmsten gerechnet. Wirklich.

Was mich persönlich etwas daran wurmt, dass ich so positiv überrascht wurde, ist, dass ich letztens noch in einem Gespräch zu einer Einstellerin sagte:
"Das Schlimmste, was man tun kann, ist aufzuhören, sich mit seinem Pferd zu beschäftigen." 
- und genau das habe ich selbst getan. Argh.

Es ist für mich ok, wenn einige Dinge nicht so gut klappen - es kann misslingende Kommunikation sein, mangelndes Vertrauen, mangelnde Fähigkeiten - aber wie soll es denn besser werden, wenn man es nicht versucht?
Man muss sicher nicht aufs Brechen und Biegen all das, was nicht klappt, jeden Tag üben bis es klappt. Es ist legitim und vielleicht sogar gut, ANDERE Dinge zu tun, um später noch einmal an das Problem heranzugehen.
In meinem Fall waren das sicherlich die Stunden mit Conny, die mir und Tivo zu einer gemeinsamen Basis geholfen haben und unser gegenseitiges Vertrauen aufgebaut haben.
Und ist doch logisch, dass Basis und Vertrauen für gelingende Spaziergänge wichtig sind, oder?
Aber es einfach gar nicht mehr zu tun, ja eben sogar insgesamt weniger mit seinem Pferd zu verbringen, das ist mit Sicherheit der falsch Weg.

Es klappt etwas nicht, was tun?
Zuerst: Reflektieren!
Vielleicht ist es etwas anderes, was ihr besonders gut könnt und gerne tut? Dann tut das zuerst!
Vielleicht kommuniziert ihr dadurch besser und könnt euch an etwas schwierigeres wagen? Probiert es nochmal!
Vielleicht vertraut ihr euch mehr und meistert jetzt die Monster gemeinsam? Probiert es nochmal!
Gebt euren Pferden Chancen, damit sie euch überraschen können! (Und freut euch über die Potentiale, die sich ergeben, wenn etwas noch nicht so gut klappt!)

Und das weiß ich jetzt - und werde es mir bei Bedarf wieder vor Augen rufen.

I will always hold you close, 
but I will learn to let you go. 
I promise I'll do better.
(Light/Sleeping At Last)


* Lustigerweise scheint Tivo auch ein kleiner Misserfolgsvermeider zu sein. Ich werde an dem Gedanken mal dran bleiben und versuche herauszufinden, wie ich seine (und dann letztendlich auch meine) Entwicklung positiv unterstützen kann.