Dienstag, 12. Juli 2016

Wer hat das Sagen im Kopf?

Am Ende meines Posts vom 15. Juni habe ich schon anklingen lassen, dass ich mich in letzter Zeit fühle, als hänge ich zwischen vielen destruktiven Gedanken und Sorgen fest. Ich selbst kann das unter der Fragestellung zusammenfassen: "Wer hat das Sagen im Kopf?"

Sei Natos Tod ist bei mir viel passiert - nicht nur Schlechtes, auch Gutes. So gab es eine Zeit etwa im Sommer letzten Jahres, in der ich mich eigentlich sehr glücklich fühlte. Ausgeglichen und ganz bei mir. Unterschwellig habe ich aber gemerkt, dass mich auch Kleinigkeiten schnell aus der Bahn werfen können: gerade, wenn etwas mit Tivo ist. Irgendwo ist das auch sicherlich verständlich, ist mein Alarmsystem  ja seit Nato sich das Bein gebrochen hat hypersensibel. Eine kleine Macke? Hoffentlich ist nichts am Knochen. Eine dicke Backe? Oh weh. Ein steifer Gang? Hoffentlich kein (schlimmer) Schub.

Wer mich kennt, weiß, dass ich ein kleiner Disney-Fanatiker bin. Disney ist einfach immer fröhlich, immer gut, hat immer ein Happy End und die große Liebe. Hach wie schön. Und etwas unrealistisch.
Letztes Jahr kam allerdings ein Film heraus, der so gar nicht Disney-typisch ist. Der Titel: Alles steht Kopf. (Trailer gibt es hier: Alles steht Kopf bei Youtube)


Die Idee ist, dass jeder von uns 5 kleine Männchen im Kopf hat, die sich abwechselnd an unseren Schaltknöpfen im Kopf auslassen. Diese 5 kleinen Männchen heißen so wie und stehen für einige unserer Emotionen: Freude, Trauer, Ekel, Wut und Angst.
Natürlich ist Freude ganz à là Disney erstmal die absolute Hauptfigur und für Trauer ist keine Verwendung. Wie könnte man Trauer auch lustig darstellen?
Aber hier zeigt sich meiner Meinung nach die Stärke des Films: Am Ende wird allen klar, dass jede Emotion eine wichtige Rolle und nur alle gemeinsam gut funktionieren.
Warum ich das hier aufgreife? Ganz einfach: Ich finde, dass in meinem Kopf ein Ungleichgewicht herrscht. Allerdings ist nicht Freude überaktiv, sondern Angst.

Mein hypersensibles Alarmsystem wird definitiv von Angst ausgelöst. Angst vor einer ungewissen Zukunft (ich versuche ja noch immer die Uni zu wechseln - was weitreichende Konsequenzen für Tivo hat), Angst vor dem Versagen (Klausurenphase steht an) und Angst, vielleicht gerade keinen Platz in der Welt zu haben (überspitzt gesagt, denn ich fühle mich, als hänge ich in der Luft fest).
Das bestimmt mein Verhalten und Erleben weitreichend - hört hier aber nicht auf. Auch mein Körper spürt die Auswirkungen. So musste ich schon im Februar einen ziemlichen Schock miterleben, als ich während einer Vorlesung plötzlich stechende Schmerzen in der Brust hatte und vor lauter Angst, es könnte sich gerade um einen Infarkt o.Ä. halten, auch noch umgekippt bin - meine Kommilitonen haben sofort Sanitäter gerufen und ich wurde ins Krankenhaus gebracht. Herzinfarkt war das keiner, nur eine akute Brustwirbelblockade, die auf ein paar Nerven gedrückt hat, aber der Schock saß und sitzt tief.
Mit der ansteigenden Anspannung aufgrund meiner jetzt näher rückenden Klausuren stieg auch wieder die Anspannung in mir - und in mir körperlich. Ich habe fast nur darauf gewartet, dass es mir erneut so in die Brust schießt wie im Februar. Und es ist ja auch wieder passiert, zum Glück bei dem Tagesseminar mit Christina Wagner, die mir als humane Physiotherapeutin und Osteopathin direkt helfen konnte.
Ganz klar: von ihr lasse ich mich weiterbehandeln. Lustigerweise habe ich sogar direkt für den folgenden Mittwoch einen Termin bekommen. Die Behandlung war gut und für mich als angehende Psychologin sehr spannend: die körperlichen Blockaden, die sie zu lösen begann, drückten mir auch so auf die Psyche, dass ich meine Tränen kaum noch zurückhalten konnte. (Das Stichwort hierzu lautet Embodiment.) Christinas Worte dazu: "Es muss fließen, damit es in den Fluss kommt."
Wie wahr.
Des Weiteren gab sie mir den Tipp, mich mit Positiven Affirmationen (z.B. bei Youtube) zu füttern, was ich jetzt auch fleißig tue. Allerdings löste das bei mir innerlich erstmal einen Widerstand aus: es fühlte sich so an, als würde ich jetzt bloß versuchen, Angst zu unterdrücken, um wieder Freude an den Schaltpult in meinem Kopf zu lassen. Es fühlte sich falsch an, bis ich darüber begann anders nachzudenken: Ich in meiner Gesamtheit möchte das Sagen in meinem Kopf haben, was bedeutet, dass alle Emotionen eine Daseinsberechtigungen haben. Ich gebe mir aber positive Gedanken mit auf den Weg, um wieder in ein Gleichgewicht zu finden.

Und wie helfen mir meine Pferde dabei? Schon Nato hat mich schon immer gelesen wie ein offenes Buch und Tivo, der meiner Meinung nach ähnlich sensibel ist wie ich, führt das geradewegs weiter. Es hat keinen Sinn, sich ihnen gegenüber zu verstellen, so wie "fake it 'until you make it/became it" es andeutet. Ja klar, man kann sehr wohl eine Weile so tun, als ob man anders wäre und es wird einen verändern. Die Frage ist aber, ob all das Unterdrückte nicht wie ein Bumerang zurück kommt.
Es wird mir immer klarer, dass ich, damit ich Tivo eine gute Stütze sein kann, mich so annehmen muss, wie ich bin und mit dem, was ich fühle. Es gilt, nicht zu unterdrücken, was sich unangenehm anfühlt, sondern es wieder in ein Gleichgewicht zu bringen. Das geht nur, wenn man es annimmt. Und da arbeite ich dran.