Samstag, 23. Juli 2016

Teil 2: Was bedeutet Druck für dich und dein Pferd?

Wow, wow und nochmal wow! 
Ich habe mich ja schon riesig gefreut, dass Nadja von Pferde verstehen einen Beitrag von mir als Gastbeitrag veröffentlich hat. Den kannst du hier gerne nochmal lesen.
Noch mehr habe ich mich aber über die zahlreichen Reaktionen gefreut! 
Ein liebes Dankeschön <3 an alle, die kommentiert haben, Lob ausgesprochen haben - aber auch Kritik geübt haben. 
Kritik ist etwas wundervolles, was nicht immer genug Anerkennung bekommt, denn was Kritik macht, ist viele weitere Gedanken anregen. Das ist zwingend notwendig, wenn man etwas lernen möchte, ein Problem lösen möchte oder einfach etwas überdenken möchte. 
Bei mir haben besonders zwei Kritiken weitere Gedanken zu dem Druckthema angeregt, die ich hier im Folgenden beleuchten möchte. (Bitte nicht erschrecken, der Beitrag ist lang. Mein Kopf hatte viele Worte dazu parat.)



Clickern oder Horsemanship?

Eine Kritik thematisierte eine scheinbar ewig währende Debatte um Clickern versus Horsemanship. Nun vorweg: ich habe mich entschieden, für mich und Tivo als Leitlinie das HMS zu nutzen. Ich kenne Clickern, habe es aber selbst nie richtig genutzt. Dementsprechend ist der folgende Text "pro-HMS". 
Ich mag die Debatte ja. Sie bringt uns weiter, in dem was wir tun, kritisiert, was kritisiert werden muss, und erlaubt uns so, unsere Kommunikation mit dem Pferd zu verbessern und verfeinern. Ähnlich wie Petra von der Pferdeflüsterei verstehe ich meine Fähigkeiten als Werkzeuge in einem Werkzeugkasten - und ich glaube, jeder würde mir jetzt mal zustimmen, dass es ziemlich doof wäre, nur Schraubenzieher da drin zu haben. Wir brauchen viele verschiedene Tools, um etwas aufbauen zu können, und genauso ist es auch mit den Pferden. 
Sowohl Clickern als als HMS können mit lerntheoretischen Grundlagen erklärt werden; also leben wir eigentlich unter dem gleichen Dach. 
Beim Operanten Konditionieren ist das Verhalten instrumentell zum Erhalten eines Verstärkers, nach dem ein Individuum strebt. Mittels Verstärkung soll die Auftretenswahrscheinlichkeit eines Verhaltens erhöht werden, mittels Bestrafung (ja, die gehört zu dem Modell) soll sie verringert werden.* Sprich: "Super, mach das häufiger" zu "Find ich doof, mach das nicht mehr".
Sind hier Eltern unter meinen Lesern? Mir kann niemand erzählen, dass eine Kindererziehung ganz ohne die rechte Seite auskommt. Irgendwann kommt man doch immer mal an einen Punkt, an dem man seinem Kind (und entsprechend auch seinem Pferd) sagen muss, dass das Verhalten unerwünscht ist - die Frage ist wie!
Gute Eltern verschlagen ihre Kinder ja auch nicht einfach, sondern sie setzen eine Strafe milde (kann ja auch einfach ein reines Time-Out sein, wenn das Kind sich beim Spielen daneben benommen hat) ein, sind klar und konsequent, und erklären ihren Kindern, warum das Verhalten "doof" war. 
Genauso zeigen gute Eltern aber auch Freude, wenn etwas gut läuft und sie stolz sind auf das, was ihre Kinder tun. 
Zurück zum HMS: Bitte verurteilt nicht direkt alle, die eine Strafe nicht rigoros ablehnen, aber kritisiert weiter die, die Strafen einsetzen um sich durchzusetzen. 
Und: wenn wir dem Pferd etwas anderes als Grundgehorsam beibringen, haben Strafen nichts zu suchen!! Wenn ich möchte, dass mein Pferd lernt seitwärts zu gehen, werde ich ihm das zwar effektiv beibringen können, indem ich ihn fast schon verhaue bis er es tut (Negative Verstärkung ist das dann, aus das Verhalten folgt die Beendigung eines aversiven Zustands.) - ich kann aber auch freundlich mein Signal bis zur angenehmen Grenze verstärken und warten, bis mein Pferd meiner Frage folgt. Das ist meiner Meinung nach ein Beispiel für positive Verstärkung, denn nicht jede Interaktion mit unserem Pferd ist direkt negativ. 
Hier noch illustrativ eine Beobachtung dazu, die ich bei Tivo machen konnte: Tivo war 1,5 Jahre alt und roh, als ich ihn gekauft habe. Ich habe mich auch erst einmal aufs Kennen lernen beschränkt und ihn z.B. viel geputzt. Nun muss man an einem Putzplatz das Pferd auch ab und zu mal herum schieben - wie macht man das? Ach ja, man kann ja einfach mal freundlich anfragen (an die Hinterhand TIPPEN). Und hier das Spannende: Tivo bewegt seinen Plüschpopo, als hätte er noch nie etwas anderes getan. Irgendwie scheinen Pferde kommunikativ geboren worden zu sein... Wie toll für uns! 

Ein Modell passt zu vielen Pferden?

Eine andere Kritik spann einen Gedanken noch weiter: Die Gegenseite entscheidet, wie angenehm der Druck ist. 
Das ist für mich sehr spannend, da ich am Montag eine Prüfung zur Differentiellen Psychologie habe, also der Psychologie, die sich mit der Unterschiedlichkeit (menschlichen) Verhaltens und Erlebens beschäftigt. 
Und hier ist zugegebenermaßen Parellis Methodik ziemlich schwach. Seine 4 Stufen des Drucks sind zwar super leicht zu verstehen (großer Pluspunkt für Anfänger), aber eben kaum flexibel, um sie seinem Gegenüber anzupassen. 
Allerdings finde ich sowieso, dass viele (ehemalige) Schüler von Parelli hier schon große gedankliche Arbeit geleistet haben und die Systematik aufgelockert haben. Gerade die, die einen weiten Horizont beweisen und viele Ideen großer Männer und Frauen miteinander verknüpfen, haben meiner Meinung nach einiges zu bieten. (Conny ist da auch ein tolles Beispiel dafür: HMS und Freiheitsdressur.)
Ich habe da ein anderes Modell im Kopf, was ich hier gerne kurz vorstellen möchte: 
das Lautstärkenmodell.
Unser Fernseher bietet Lautstärken von 0 bis 50 - wir haben ihn meistens bei 25 stehen, für uns eine angenehme, nicht zu laute aber gut verständliche Lautstärke. Wenn der Film schwer verständlich ist (gerade wenn man fremdsprachige Filme schaut, ist das ein Problem), dann muss ich das schon mal etwas lauter stellen, damit ich es gut verstehe. Und bei der Werbepause ganz schnell wieder leiser, dann fliegen mir immer fast die Ohren weg - doofe Hochsensibilität.
Verstehe dein Signal, welches du mit der Hand, dem Stick oder der Gerte gibst, doch mal als Lautstärke. Von wo bis wo reicht eure Skala? Wie laut und deutlich muss es sein, wie leise und verständlich kann es sein? Was sagt dein Pferd dazu? Möchte es leiser angesprochen werden, oder fühlt es sich etwas lauter (und damit deutlicher) wohler? 
Die Vorlieben für den angenehmen Bereich dürften interindividuell variieren, wobei es feste Grenzwerte gibt, bei denen es eben allen "zu laut" oder "zu leise" ist. 
Innerhalb des Bereichs: los, geht zu eurem Pferd und probiert gemeinsam aus, wie laut es sein muss und wie leise es sein darf! (Morgen dann wieder :) )

Unterm Strich ist unser aller Ziel ein harmonisches Miteinander mit unseren Pferden - das Wie (die Feinheit der Kommunikation) ist spannender als das Was (der Werkzeugkasten**).

*Man muss unterscheiden zwischen positiver und negativer Verstärkung, sowie zwischen positiver und negativer Bestrafung:
PV = es folgt ein angenehmer Stimulus auf den Operant
NV = ein unangenehmer Zustand wird durch den Operanten beendet
PB = es folgt ein unangenehmer Stimulus auf den Operant
NB = ein angenehmer Stimulus wird beendet durch den Operanten

**den aber bitte fair und pferdefreundlich!



Update 30.07.2016: Hier gibt es noch einen tollen Artikel zum Weiterlesen bei Roping my Dream!