Mittwoch, 6. Juli 2016

Kursbericht: Tagesseminar mit Christina Wagner in Gießen

So ein Tagesseminar ist schon eine Herausforderung für einen Trainer: eine handvoll Teilnehmer mit ganz unterschiedlichen Pferden, die man nicht immer alle kennt, zwei Mal 30 Minuten Einheiten pro Teilnehmer, in denen man etwas erarbeiten möchte und ganz ganz viele Erwartungen, die erfüllt werden wollen.
Letzten Samstag durfte ich als Zuschauer einem Tagesseminar in Gießen mit Christina Wagner (Homepage: Christina Wagner) beiwohnen. Christina unterrichtet seit fast 20 Jahren das Natural Horsemanship und ist auch seit 2006 in der Akademischen Reitkunst zuhause. Sie ist langjährige Schülerin von Bent Branderup. Ebenso ist Christina humane Physiotherapeutin und Osteopathin.
Das Seminar stand unter keinem Motto, d.h. alles Wissen von Christina durfte frei heraus angezapft werden. Die 7 Teilnehmer waren also auch eine bunt gemischte Truppe: vom NHS-Anfänger bis zum bekannten Schüler war alles dabei. So unterschiedlich die Pferd und Mensch-Paare auch waren, so unterschiedlich und individuell waren auch die Einheiten.


Nicht immer treffen sich die Erwartungen und Ideen von Pferd und Mensch. Der Mensch erwartet viel, das Pferd erwartet/wünscht sich höchstens einen souveränen Zweibeiner. Ein gelungenes Seminar erleben alle, wenn Probleme auf allen Ebenen (mental, emotional, physisch) aufgespürt werden und eine Idee für die weitere Arbeit entwickelt werden kann. Daher startete das Seminar morgens erst einmal mit einer Erwartungsabfrage der Zweibeiner, in denen Christina nach vorhandenen roten Fäden fragte. Auf Basis dieser Erwartungen legte Christina eine Theorie-Einheit zu Stellung und Biegung ein, bei der ich das Probepferd spielen durfte. Auf allen Vieren vor Christina zu knien und selbst einmal zu erfahren, wie wenig Druck eigentlich nötig ist, um richtig gebogen und gestellt zu werden, und diese Biegungen und Stellungen einmal selbst zu erfühlen, ist eine wahnsinnig tolle Erfahrung. Anschließend erhielt jeder Teilnehmer seine erste Einheit, in der oft auch zunächst einmal der Status Quo geprüft wurde. Christinas richtige Reihenfolge für eine erfolgreiche Zusammenarbeit von Mensch und Pferd lautet: Respect, Impulsion und Flexion. Erst benötigen wir eine respektvolle Basis, dann können wir über das Tempo reden und anschließend über Stellung und Biegung. Mit stets einem Lächeln im Gesicht, einer Anekdote in der Tasche und einer aussagekräftigen Metapher im Werkzeugkasten hat sie es geschafft, in 30 Minuten so viel Wissen wie es nur geht zu vermitteln. Nach der Mittagspause durften wir alle Stellungen und Biegungen in der Bewegung selbst erfühlen - was ein Spektakel!
Danach folgten die emotionaleren zweiten Einheiten, in denen nun die Blockaden angegangen wurden. Von Freudentränen über endlich erreichte Ziele bis Tränen über das neu erworbene Bewusstsein, zu hohe Erwartungen (gehabt) zu haben, war alles dabei.
Und warum flossen so viele Tränen?
Weil Christina mit ihrer Feinfühligkeit und Beobachtungsgabe genau die Blockaden findet - ob nun physischer, mentaler oder emotionaler Natur -, die es zu lösen gilt, damit Wachstum passieren kann. Und mit ihrer liebevollen und ruhigen Art trifft sie auch genau den richtigen Ton, um sie anzusprechen und zu lösen.
Was habe ich als Zuschauer von dem Seminar mitnehmen können?
  1. Man muss seinem Pferd die Zeit geben, die es braucht, um sich zu entwickeln.
  2. Man muss sich selbst die Zeit geben, die es braucht, um sich zu entwickeln.
  3. Wenn man schon meint, man muss eine akute Brustwirbelblockade haben, dann tut man es am besten dann, wenn die Seminarleiterin auch humane Osteopathin ist (danke für die erste Hilfe an dieser Stelle!).
Vielen lieben Dank Christina, dass du dir die Zeit genommen hast für diesen Kurs und uns allen neue Perspektiven aufgezeigt hast. Bleibt nur noch zu sagen: Chapeau und auf viele weitere Seminare! ;)