Donnerstag, 9. Juni 2016

Ein Plädoyer für die Distanz.

Pferde sind Fluchttiere und echt ziemlich groß, massig und kräftig. Auch wenn sie es nicht so meinen, aber sie können uns ganz schön verletzen - bis hin zu umbringen. Natürlich wollen wir das nicht. Und natürlich wollen wir sie auch knuddeln. Schließlich sind sie ja soooo flauschig...

"Krümelmonster"
Klar, das will ich auch. Und als ich Tivo gekauft habe, war er auch erst 1,5 Jahre alt - noch süßer und flauschiger also. Allerdings: er war auch roh. Er kannte zwar Menschen, aber ich glaube, ihm war schlichtweg das Konzept des Individualbereichs des Zweibeiners nicht so ganz bekannt. Und genau dadurch wurde es auch schon ein paar Mal richtig gefährlich für mich! Ich habe sehr wohl einige blaue Flecken von Tivo gehabt, die ich mir auch gerne erspart hätte. (Zum Glück ist nie mehr passiert, außer noch ein guter Schock bei mir. Ach und Krümelmonster.)


Was hier ich schief gelaufen ist? Ich habe viel zu viel Nähe zugelassen!
Nähe muss man sich erarbeiten! 


Mir ist persönlich wichtig, dass man diesen Individualabstand nicht in sein Pferd reinprügelt - und man muss das auch nicht! Aber wenn es eine Regelverletzung gibt (meistens fühlt man sich auch unwohl, wenn das Pferd einem zu nahe ist), dann soll und darf man auch deutlich anzeigen, dass es zu nah ist! Nichts anderes würden Pferde in einer Herde tun - und entsprechendes Verhalten ist respektvoll.

So auch die ersten Unterrichtsstunden mit Conny. Wir haben erstmal auf ein bisschen Distanz gearbeitet und Tivo hat das gefühlt fast sofort verstanden ("Ach so, du möchtest nicht, dass ich in deinem Bereich bin? Ja klar, kein Problem!"). Und dann haben wir uns langsam an die Nähe herangetastet. Und genau so sollte das laufen, nicht anders!

Da ich aber leider noch einen kleinen Schock in den Knochen von einem Huf im Rücken (sehr imposant, aber ersparenswert) sitzen habe, ist Nähe für mich noch etwas fremd und unwohl. Dementsprechend war es auch ein großer Schritt für mich, als Conny mit mir erarbeiten wollte, dass Tivo Vor- und Hinterhand auf Signal auf mich zu bewegt. Da Conny mir aber einfach das Gefühl gibt, sicher zu sein, habe ich das gerne mit ihr ausprobiert :) Und natürlich hat das wunderbar geklappt, da wir uns ja vorher das respektvolle Miteinander erarbeitet haben!

Im Endeffekt gehe ich mit diesem Wissen sogar in 98% der Fälle anders auf Tivo zu - viel respektvoller! (In den verbleibenden 2% verfalle ich in alte Verhaltensmuster. Ich glaube, Tivo verzeiht mir das. Zumindest hoffe ich das.) Ich frage auch ihn ganz anders, ob es ok ist, wenn ich in seinen Bereich komme. Wobei er eigentlich nie nein sagt, könnte ja Streicheleinheiten geben ;)

Vielleicht kann man sich das gut merken, wenn man sich vorstellt, wie man zu einem Fremden (Zweibeiner) eine neue Beziehung aufbauen möchte. Zuerst gibt man sich vielleicht die Hand, unterhält sich ein wenig und klärt, wie viel Nähe (auch emotional) man zulassen kann und möchte. Und im Laufe der Beziehung wird das enger und enger, bis man sich gerne mit einer Umarmung begrüßt und auch soviel Nähe zu dem anderen möchte, dass man das Gespräch nicht mit dem Wetter beginnt, sondern direkt nach dem Wohlbefinden und den Sorgen fragt.
Man beginnt nicht mit Nähe, man erarbeitet sie sich. Sicherheit geht vor!

P.S.: Ich habe jetzt keine Angst mehr, wenn Tivo mir nahe ist. Letzte Woche habe ich sogar alleine geübt, dass er die Vorhand in die andere Richtung auf mich zu bewegt. Was mir Sicherheit gibt, ist, dass ich weiß, dass selbst wenn er mich anrempelt - was mal vorkommt -, er das nicht böse meint und ich ihm sogar sehr nett sagen kann, dass ich das nicht möchte. Manchmal korrigiert er sich auch schon selbst, bevor ich auch nur irgendwas getan habe. Tivo ist so ein freundliches und intelligentes Pferd, dass er das meist sofort umsetzt. Fehler machen ist schließlich erlaubt, die Attitüde zählt ;)