Dienstag, 5. Januar 2016

Das ewige Lied vom Bestrafen.

Mensch, wie sehr mich die gut gemeinten Ratschläge manchmal auf die Palme bringen können.
Heutiger Anlass: Mein Pferd steigt. Viel. Beim Spazierengehen.
Gut, das hört sich erstmal richtig schlimm an. Ich finde es aber nur halb so schlimm.
Nein, ich möchte auch nicht das mein Pferd steigt. Schon gar nicht, weil ich auch keinen Huf abkriegen möchte.
Aber was, wenn mein Pferd sich eben so kommuniziert?

Ich erhebe keinen Anspruch auf besonderes Pferdewissen und schon gar nicht auf Erfahrung im Umgang mit Jungpferden - aber mit MEINEM habe ich nun doch schon eine gewisse Zeit verbracht. Und ich weiß, dass er nicht gegen mich geht, wenn er hampelt, steigt, knibbelt. Ich weiß, dass er noch keine bessere Strategie gelernt hat, sich mir mitzuteilen.
Und ganz ehrlich? Es geht mir einfach nicht in den Kopf, warum ich mein Pferd dafür strafen soll. Für etwas, was MEINE Aufgabe ist. Schließlich möchte ich doch, dass er irgendwann souverän durch die Menschenwelt geht und nicht vor allem Angst hat (oder noch schlimmer: hilflos ist).
Und ja, erfahrene und weise Pferdeleute dürfen jetzt gerne von mir denken, dass das aber ein süßer, nobler Wunsch ist. Ja das ist er! Und wenn ich es schaffe, dann dürft ihr auch applaudieren. (Und wenn nicht, ist auch ok. Ich denke, dass ich genug auf dem Weg lernen werde.)

So und jetzt nochmal zu dem Steige-Problem. Wir waren heute spazieren. Zu dritt. Ich in der Mitte mit meinem Wilden. Ich habe die letzten paar Wochen herzlich wenig mit ihm gemacht, da er kräftig am Wachsen ist und damit unglaublich knatschig.
Ich denke mir dann einfach so: Soll er erstmal mit sich selbst zurecht kommen.
Das tägliche Programm bestand aus Putzen (Massieren ist ja was feines für das Körpergefühl) und ausgiebig Hufe heben üben (durch die Wachstumsschübe leidet auch die Balance etwas). Reicht mir völlig.
Aber heute eben Spazieren. Und da gibt es so viel, was eine leichte Reizüberflutung hervorbringen kann. Und das ist auch nicht das Problem, wir müssen schließlich etwas aus der Komfortzone heraus um Neues zu lernen. Nur eben nicht zu viel.
Für mich ist daher auch so "halb-ok", wenn mein Pferd wegen Reizüberflutung steigt. Natürlich sage ich ihm, dass er bitte "unten bleiben" soll (Ja genau so. Laut und deutlich.). Und ich rucke leicht am Halfter (aber nicht zu viel, ich kenne mein Pferd. Das macht den sonst madig und dann wird er wütend. Dann lernen wir ja nichts.). Aber was ich garantiert nicht machen werde: Mein Pferd schlagen oder exorbitant viel rückwärts richten.
Warum soll ich mein Pferd für so etwas strafen?
Ich möchte von meinem Pferd, dass es mir zuhört und da sind Strafen einfach kontraproduktiv. Im schlimmsten Fall verliert er Vertrauen und bekommt zusätzlich Angst. Ist nicht so Sinn der Sache, oder?

Das Spiel ging eben ein paar Mal und irgendwann haben wir beide (!!) verstanden, wie wir auf neues besser reagieren können. Ich habe ihn nach vorne hin à là Tellington-Methode mit der Gerte begrenzt und ihn regelmäßig gebeten (!!) langsamer zu machen. Außerdem gelobt, wenn er nachgedacht hat (das sieht man noch so herrlich). Und so sind wir eben durch alles Neue durch. Langsam, nachdenkend, nicht steigend. Und dann gibts ganz viel Lob.
Aber der Schlüssel scheint mir zu sein: zuhören. Ich muss zuhören.

Exkurs: "natürlich" muss auch eine Strafe mal sein. Um eine Grenze deutlich zu machen. Wobei ich mich dann auch direkt wieder frage, was ich auf dem Weg dahin nicht bemerkt habe. 
Ihr seht, PROAKTIVES Umgehen mit dem Pferd erspart so eine Strafen.
Dennoch: Im richtigen Moment und in der richtigen Intensität (nicht zu viel, nicht zu wenig) kann eine Strafe sehr effektiv sein. (Das sagt die Wissenschaft und dem schließe ich mich an. Trotzdem ist das nicht meine Devise.)

Was mich aber am meisten stört, sind die Menschen, die mir eben ständig sagen, ich muss mich mal durchsetzen (bla bla bla). Warum wollen Menschen eigentlich immer den schnellen Erfolg? Warum muss es immer sofort sein? Warum darf man nicht einfach mal mit Konsequenz und Disziplin ans Ziel gelangen?
Und darf ich einwerfen: dem Pferd ist es egal was du gestern gesagt hast. Deine heutige Reaktion zählt. Ich habe keine Lust meinem Pferd jeden Tag eine zu bretzeln. Ihr etwa?